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Das konnte keiner ahnen

5. Juli
3 Min. Lesezeit

Es gibt diese Abende, da zählt man die Hühner nur nebenbei. Eigentlich ist alles Routine: Stall kontrollieren, schauen, ob alle da sind, Tür zu. Doch manchmal stimmt die Zahl plötzlich nicht.

An diesem Abend fehlte eine Henne.

Ich machte mich auf die Suche, lief die üblichen Ecken ab und hielt nach Spuren Ausschau. Aber da war nichts. Keine Federn, kein Hinweis, keine Unruhe. Nur dieses ungute Gefühl, ein Tier verloren zu haben.

Also blieb am Ende nur die naheliegende Vermutung: Vielleicht hatte tagsüber ein Fuchs oder Marder zugeschlagen.

Am nächsten Tag ließ mir die Sache trotzdem keine Ruhe. Ich suchte noch einmal. Nicht mehr wirklich mit der Erwartung, sie lebend zu finden, sondern eher, um Gewissheit zu bekommen.

Und dann kam dieser Moment, mit dem man nicht rechnet.

Im hohen Gras saß sie. Still, gut versteckt und ganz offensichtlich nicht der Meinung, dass sie vermisst wurde. Vor ihr lagen zehn Eier. Unter ihr weitere sechs. Offenbar hatte sie sich heimlich ein eigenes Nest angelegt – und über mehrere Tage eine kleine Eiersammlung zusammengetragen.


Eiernest im hohen Gras
Das heimliche Nest im hohen Gras – gut versteckt und erst auf den zweiten Blick zu entdecken.

Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich hatte durchaus bemerkt, dass eine braune Henne sich morgens schnurstracks von der Gruppe entfernte. Denn jedes Mal, wenn sie zurückkam, war schon Black Jack - der Hahn - zur Stelle um sie zurechtzuweisen.

So erleichtert ich war, sie lebend zu finden: Dort konnte sie nicht bleiben. Es war schon erstaunlich genug, dass in der Nacht zuvor kein Fuchs, Marder oder anderes hungriges Tier über dieses Nest gestolpert war.

Also musste eine sicherere Lösung her.

Ein Umzug mit Hindernissen

Ich richtete ihr im Hasenstall einen geschützten Platz her. Ein Nest, etwas Ruhe, die Eier dazu – eigentlich alles, was eine angehende Glucke brauchen könnte.


Gluckennest im Hühnerstall
Das vorbereitete Nest im Hasenstall – sicherer als das heimliche Versteck im hohen Gras

Als alles vorbereitet war, war die Henne allerdings verschwunden.

Nur die 16 Eier lagen noch da.

Sie selbst hatte sich still und heimlich wieder zur Gruppe zurückgeschlichen und nahm gerade völlig unbeeindruckt ein ausgiebiges Staubbad. Als wäre nichts gewesen.

Also schnappte ich sie mir und trug sie in ihr neues Quartier.

Zunächst wirkte sie allerdings wenig überzeugt. Sie setzte sich nicht auf die Eier, sondern daneben. Eher nach dem Motto: „Nett gemeint, aber ich prüfe das noch.“

Und genau das ist einer dieser Momente in der Tierhaltung: Man richtet etwas mit bestem Wissen ein, denkt praktisch, sicher und vernünftig – und am Ende sitzt das Tier daneben und entscheidet selbst, ob der Plan überhaupt brauchbar ist.

Eine Henne mit eigener Meinung

Am nächsten Tag war die Sache dann entschieden.

Sie hatte alle Eier unter sich gezogen und saß nun wirklich fest. Aus der verschwundenen Henne war offiziell eine Glucke geworden.

Bis dahin hatte sie noch keinen Namen. Aber nach dieser Aktion war klar, dass irgendein gewöhnlicher Hühnername nicht mehr passen würde.

Ich nannte sie Ronja Räubertochter.

Denn wenn man ehrlich ist, hatte sie sich ihre kleine Schatzkammer im Gras ziemlich eigenwillig zusammengeräubert. Erst die Eier gesammelt, dann verschwunden, dann wieder aufgetaucht, dann abgehauen, Staubbad genommen – und am Ende doch alle Eier unter sich gezogen.

So wurde aus einer zunächst traurigen Suche eine dieser kleinen Geschichten, die man nicht planen kann. Genau deshalb bleiben sie oft am meisten in Erinnerung.

Nicht jedes Verschwinden endet traurig. Manchmal sitzt am Ende einfach eine Henne im Hasenstall und weiß sehr genau, was sie will.



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